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(12.09.09)
Erstmal ein großes Lob: trotz größer werdender Reportintervalle weißt unsere Blog-Besucherstatistik fortwährend eine solide Lesergemeinschaft nach. Dass wir weniger zum schreiben kommen, hängt mit unserer zunehmenden Eingebundenheit im Alltagsgeschehen (man glaub es kaum) zusammen. Aber der Reihe nach:
Als erste starke Veränderung der letzten Wochen ist der Wetterumschwung zu benennen. Zwar befinden wir uns bereits seit unserer Ankunft offiziell in der Regenzeit, doch lässt es Petrus, Zeus oder deren kambodschanisches Pendant erst seit 10 tagen richtig krachen. Es schüttet mindestens einmal täglich.
zu sehen ist kein Atompilz, sondern eine sich naehernde Schauerfront
Der Regen ist dabei so stark, dass große Straßenabschnitte Phnom Penhs einen halben Meter unter Wasser stehen. Gestern war es besonders schlimm – wir waren im Restaurant als der Regen begann und binnen weniger Minuten war die Strasse so überschwemmt, dass nichts mehr fuhr. Der Anblick war nicht wirklich schön – das Wasser war voller Müll und die Ratten und Kakerlaken versuchten sich in die höher liegenden Bars und Restaurants zu retten...
Nach anfänglicher Freude über die willkommene Abkühlung wächst also der Wunsch nach mopet-freundlicher Trockenheit.
Moto-Fans beachtet: im Hintergrund faehrt jemand mit seinem Mopet durch 40 cm tiefes Wasser. Haette nicht gedacht, dass ein halb versenkter Motor und komplett versenkter Auspuff (?!) das mitmachen. Lob an Honda!
Trotz der widrigen Wetterbedingungen haben Elisa und ich gestern festgestellt, wie schnell man sich doch an einst befremdliche Lebensbedingungen gewöhnt. Neben den vielen schönen Erlebnissen waren verschiedene Störfaktoren (nervende TukTuk-Fahrer, Armut, Klima, Hygienedifferenzen und als ethnische Minderheit nie in der Anonymität der Masse untergehen zu können) anfangs so erheblich, dass wir uns nicht vorstellen konnten, hier längerfristig glücklich werden zu können. Wie gesagt man gewöhnt sich an alles. Mittlerweile gehen wir abends durch die dunkelsten Straßen ohne das Gefühl Angst haben zu müssen - und das in einem Entwicklungsland. Ich halte das für eine kambodschanische Besonderheit. Die Leute hier sind bislang einfach alle freundlich, friedlich, (klein). Hoffentlich werde ich nicht Lügen gestraft, doch Phnom Penh scheint glücklicherweise eine relativ sichere Stadt zu sein.
Zu den Alltagsveränderungen gehört auch der Beginn meines neuen Praktikums. [Einschub: Ich weiß, viele von euch würden gerne mal was von Elisas Praktikum hören – hab ich auch bereits weitergegeben. Doch hat Elisa sicher recht, dass ein öffentlicher Internetblog nicht der Platz für Gerichts-Quatsch-und-Tratsch ist. Alles streeeeeeeeeeeeng vertraulich.... Bei Interesse also bitte direkt an Elisa wenden J.]
Ich arbeite nun für eine NGO namens „Friends International“. Wie ihr den folgenden Zeilen entnehmen werdet, bin ich von dieser Organisation vollauf begeistert. Die Arbeit von „Friends“ ist so vielfältig, dass ich hoffe, zumindest Grundlegendes verständlich erläutern zu können:
Während der ersten Einführungstage habe ich verschiedene Außenteams/“outreach-teams“ begleitet. Das erste Team war spezialisiert auf die erste Kontaktaufnahme mit Straßenkindern, um ihnen medizinisch zu helfen, kleine Lernspiele zu machen und auf die Möglichkeit einer Teilnahme im Trainingscenter (zu diesem später mehr) hinzuweisen.
Das zweite Team besucht die Familien von Kinder und Jugendlichen, die bereits das Trainingscenter besuchen, um Probleme abzuklären und den Eltern zusätzliche Einkommensmöglichkeiten zu vermitteln. An diesem Tag habe ich erstmalig die Slumregionen Phnom Penhs gezeigt bekommen – Verhältnisse, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt.
Noch erschütternder war jedoch mein Folgetag mit dem Drogen-Outreach-Team. Deren Aufgabe ist es, die schwer drogenabhängigen Jugendlichen mit frischen Spritzen (Verminderung der AIDS-Übertragungsgefahr) und Medizin zu versorgen und über die Entzugseinrichtung zu informieren. Während des Drogenoutreaches hatte ich richtige Beklemmungen – die jungen Abhängigen mit ihren leeren Augen und der Motorik von Greisen zu sehen... zudem haben bereits die meisten AIDS im fortgeschrittenen Stadium und daher nicht heilende, offene Wunden – furchtbar.
Angenehmer war die Begleitung des „Placement-Teams“, dass die Absolventen des Trainingscenters besucht, um deren Reintegration und Anfänge im Arbeitsleben unterstützen.
Nun zum Kernstück des Friends-Projektes: dem Trainingscenter: Kinder bis 14 Jahre die aus welchen Gründen auch immer (Straßenkinder, Kinderarbeit, Armut,...) derzeit nicht zur Schule gehen, besuchen „Schulklassen“ im Trainingscenter, um auf ihre Wiedereingliederung in das Regelschulsystem vorbereitet zu werden.
Straßenjugendliche ab 14 Jahren erhalten im Trainingscenter Grundlagenbildung und können zwischen verschiedenen Ausbildungsgängen (Friseur, Mechaniker, Elektriker, Gastronomie, Schneider, Wäscherei, Kosmetikerin) wählen.
Foto von der Friseurklasse. Interessanter weise alles Jungen - ist hier ein reiner Maennerberuf!
Made in "Germany". Immerhin hat er es den ganzen Weg nach Kambodscha geschafft und dient nun der Moto-Kasse als Bastelobjekt.
An der Unterrichtsorganisation können sich viele (alle?!) deutsche Schulen noch etwas abgucken. Die Grundlagenfächer (Mathe, Englisch, ...) orientieren sich inhaltlich an den Ausbildungsgängen, wobei die Lehrer fächerübergreifend zusammenarbeiten. Der Klassenunterricht findet überwiegend in leistungsdifferenzierten Kleingruppen statt. Die Betreuung (wie oben beschrieben) endet weder mit dem Stundenklingeln noch mit dem Erlangen des Abschlusszertifikates.
Eine weitere Besonderheit ist, dass das gesamte Trainingscenter- und Outreachteampersonal aus Kambodschanern besteht und sich die westlichen NGO-Mitarbeiter nur um Verwaltungs- und Beratungsaufgaben kümmert. Auf diese Weise soll die langfristige Abhängigkeit von der ausländischen NGO (ein Hauptproblem Kambodschas) möglichst gering gehalten werden.
Falls also mal jemand von euch nach einer vertrauens- und förderungswürdigen Projekt zur Vergabe steuerlich absetzbarer Spenden sucht: „Friends International“ kann ich euch guten Gewissens ans Herz legen.
Nun aber noch kurz zu meinem Arbeitsauftrag: Ich gehe gerade die Curricula durch, interviewe die Lehrer und hospitiere in den Klassen des Trainingscenter. Dazu werde ich dann einen Bericht verfassen und Anregungen für Verbesserungen formulieren (dachte ich hätte leichteres Spiel – läuft ja schon alles ganz gut, was aber ja auch ein Ergebnis ist). Das Projekt ist hoch interessant, doch auch ziemlich anstrengend. Ich bin mir des hohen Niveaus meines Jammerns bewusst, doch muss ich mich erst wieder an einen Arbeitsalltag von 8 bis 17 Uhr gewöhnen. Da war die Zeit im Waisenhaus entspannter. Andererseits ist es natürlich befriedigend an nachhaltigen Verbesserungen mitzuwirken und nicht wie im Waisenhaus – wo Kummer nur verwaltet wurde – kurzfristig für Unterhaltung zu sorgen.
Dennoch vermisse ich es bereits jetzt, das Leben in der Ferne bewusst zu genießen, die anfänglichen Erkundungen fortzusetzen und mich unseren anderen Projekten zu widmen (habe nämlich keine Lust mich wie Elisa gleichzeitig mit Praktikum, unserem Filmprojekt, der Promotion und Aufsätzen zu beschäftigen – Respekt an dieser Stelle ;-)). Werde nach Abschluss des Berichtes hoffentlich noch mal kürzer treten können, um mich den anderen Vorhaben widmen zu können.
Heute machen wir übrigens mit zwei anderen Pärchen einen Deutschlandabend. Erst geht es in einen Biergarten, dann in ein deutsches Restaurant zum Sauerkraut essen und abschließend schauen wir einen Film mit Deutschlandbezug. Nein, zum Glück nicht Schindlers Liste sondern „Das Leben der Anderen“ ;-).
Viele Grüße und bis bald,
Sebastian.
Nun doch noch ein kurzer Nachtrag vom Gericht! Die ganz aufmerksamen Zeitungsleser haben es ja vielleicht mitbekommen! Vergangene Woche gab es am Court eine ziemliche Sensation. Bislang wurde vor den ECCC (so heißt das Gericht, Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia) gegen fünf Personen ein Verfahren eröffnet. Der Premierminister Kambodschas (Hun Sen) hatte bei den Verhandlungen über die Errichtung des Tribunals besonderen Wert darauf gelegt, dass nach dem Statut des Gerichts nur „senior leaders“ und „those who were most responsible“ angeklagt werden können. Hintergrund seiner Sorgen ist, dass Hun Sen selbst ehemaliger Soldat der Roten Khmer ist, über dessen Vergangenheit man bislang nur wenig weiß. Weitere Ermittlungen in diese Richtung möchte er natürlich vermeiden. In öffentlichen Reden hatte Hun Sen wiederholt deutlich gemacht (und seiner Partei mehr oder minder versprochen), dass es keine weiteren Anklagen als die bestehenden 5 geben wird.
In der letzten Woche entschied das Gericht – ziemlich überraschend – dass nunmehr Untersuchungen gegen fünf weitere Personen (deren Namen man bislang nicht kennt) durchgeführt werden. Das Verfahrensrecht ist an dieser Stelle ziemlich „tricky“ – normalerweise sind die kambodschanischen Richter in allen Kammern in der Mehrheit. Die Ankläger hatten (keine Sorge, ich langweile euch nicht mit Details) eine Möglichkeit im System genutzt, die die Entscheidung von den internationalen Richtern abhängig machte. Schlimm genug – alle nationalen Richter stimmten gegen die Erweiterung der Ermittlungen. Dass die kambodschanischen Richter und Ankläger wirklich unabhängig sind, glaubt hier eh niemand. Man kann es ihnen kaum verdenken – hier werden Menschen wegen Beleidigung der Regierung ins Gefängnis geworfen, weil sie Unterschriften gegen die ersatzlose Enteignung ihrer Grundstücke sammeln (letzte Woche..).
Hun Sen warnt seit der Entscheidung täglich vor einem neuen Bürgerkrieg. Aber ihr müsst keine Angst um uns haben. Die Gefahr von Unruhen ist der einzige Grund gegen weitere Untersuchungen, den man legitimerweise anführen kann... Die Mehrheit der Bevölkerung ist jedoch (laut Umfragen) für eine deutliche Erweiterung der Arbeit des Gerichts. Es ist für die Menschen natürlich schwer zu verstehen, dass der Mörder ihrer Angehörigen unbehelligt zwei Häuser weiter lebt (im Rahmen der sogenannten „nationalen Versöhnungspolitik“ wurden die Roten Khmer nicht bestraft).
So, das reicht euch bestimmt als erstes Update. Aber ich muss wirklich sagen, dass die Arbeit am Gericht das interessanteste ist, was ich „beruflich“ je gemacht habe (na gut, viel hab ich ja auch noch nicht gemacht...J ). Da meine Praktikumschefin im Krankenhaus liegt (für die, die es noch nicht gehört haben, sie hat sich die Hüfte dreifach, den Arm und die Schulter gebrochen...aua...), kann ich hier natürlich viel mehr selbständig machen. Gestern habe ich mich z.B. mit Opfern getroffen, um ihre Fingerabdrücke für einen Antrag zu nehmen (cool?) und mit ihnen über ihre Sorgen hinsichtlich der Verfahren zu sprechen (da gibt es zZt einige, aber das vielleicht ein anderes Mal, falls euch das interessiert).
Bis bald und gaaaaaaaaanz viele Grüße auch von mir! Elisa
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